Einarbeitung in der Ausbildung

Von Azubi für Azubi

Kreative Gestaltungsmöglichkeiten für die gegenseitige Wissensvermittlung

Duale Berufsausbildung: Theorie ohne Praxis?

Die duale Berufsausbildung gilt als Aushängeschild des deutschen Bildungssystems und genießt im internationalen Vergleich ein hohes Ansehen. Als ein Erfolgsgeheimnis gilt die bewährte Kombination aus Theorie und Praxis. Das heißt: Auszubildende erlangen auf der einen Seite in der Berufsschule theoretisches Wissen, das sie auf der anderen Seite mit praktischen Erfahrungen in den Betrieben verbinden. Soweit so gut, wäre da nicht eine weltweite Pandemie, die die Umsetzung dieses erfolgreichen Modells auf den Kopf stellt.

Unternehmen in Remote (x), Ausbildung in Remote ( )

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Homeoffice stellen sich viele Unternehmen nach der Umstellungsphase auf digitale Strukturen die Frage, wie sie die Qualität der betrieblichen Ausbildung gewährleisten können. In diesem Artikel möchten wir uns näher mit der Einarbeitung von Auszubildenden in den Fachabteilungen beschäftigen. Um grundlegende Kenntnisse des Berufsalltags zu erlangen, durchlaufen Auszubildende während ihrer Ausbildung im Betrieb normalerweise im Rotationsverfahren unterschiedliche Fachabteilungen. Dabei werden sie von ihren Ausbilder*innen unter Berücksichtigung verschiedener Ausbildungsmethoden begleitet. Die Einarbeitung von Azubis in Remote stellt beide Seiten, sowohl Ausbilder*innen als auch Azubis, vor neue Herausforderungen. Dennoch ist es höchste Zeit, die Ausbildungsmethoden an die gegenwärtigen Gegebenheiten anzupassen, zumal sie in unseren Augen auch eine Chance für die Erweiterung der Lern- und Fördermöglichkeiten bieten.

Einarbeitung von Azubi für Azubi

Auch wenn die Einarbeitung in die neuen Aufgaben der nächsten Fachabteilung klassischerweise durch die Ausbilder*innen erfolgt, können die Azubis in die Einführung ihrer Nachfolger*innen aktiv eingebunden werden. In Anlehnung an das aus der pädagogischen Praxis bekannte Peer Learning ermöglicht die Einarbeitung von Azubi zu Azubi einen Austausch von Wissen auf Augenhöhe. Diese Form Wissen gegenseitig zu teilen, bringt eine Vielzahl positiver Effekte mit sich:

  • „To teach is to learn twice“ (Joseph Joubert)

Alles, was ein Azubi in einer Abteilung gelernt hat und für den nächsten Azubi zur Einarbeitung aufbereitet, hilft nicht nur den Nachfolger*innen beim Einstieg, sondern verfestigt auch das bereits Gelernte und fördert einen langfristigen Wissensaufbau.

  • Stärken erkennen, Selbstbewusstsein stärken

Eine verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen und durch die Einarbeitung des nachfolgenden Azubis die Grundlage für einen reibungslosen Ablauf der Arbeitsprozesse zu schaffen, wirkt sich positiv auf das Selbstwertgefühl aus. Durch die individuelle Bearbeitung dieser Aufgabe können Auszubildende ihre Stärken erkennen und in den Einstiegsprozess einbringen, wodurch sich ihr Selbstvertrauen erhöht.

  • Soziale Kompetenz und Teamfähigkeit

Moderne Arbeitsprozesse zeichnen sich sehr häufig durch ein konstruktives Miteinander von Gruppen und Teams aus. Übergeordnete Ziele können nur durch die erfolgreiche Zusammenarbeit erreicht werden. Die Einarbeitung von Azubi zu Azubi fördert den Ausbau sozialer Kompetenzen und die Fähigkeit im und als ein Team zu arbeiten.

  • Geschützes Setting

Die Bearbeitung neuer, unbekannter Aufgaben kann unter Umständen mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden sein, insbesondere wenn der persönliche Austausch im Betrieb fehlt und Azubis vor dem Bildschirm auf sich allein gestellt sind. Die Einarbeitung von Azubi zu Azubi kann Sicherheit geben und die Hemmungen verringern, Fragen zu stellen und eventuelle Aufnahmeschwierigkeiten zu kommunizieren. Aus dem 70:20:10-Modell ist zudem bekannt, dass informelle Lerngelegenheiten einen großen Einfluss auf den Wissenserwerb haben. Können Auszubildende sich auf Augenhöhe austauschen, findet mit Sicherheit jede Menge Wissenstransfer „zwischen den Zeilen“ statt.

Kreativität kennt keine Grenzen: Wissensvermittlung in Remote

Um von Azubis für Azubis eine ansprechende Einarbeitung aus dem Homeoffice zu gestalten, stehen eine Vielzahl von kreativen Möglichkeiten zur Verfügung. Dabei sind der Kreativität bei der Wissensvermittlung keine Grenzen gesetzt und insbesondere eine junge und digital affine Zielgruppe hat Spaß dabei, ihr Know-How auf verschiedenen Wegen aufzubereiten und weiterzugeben. Wie kreative Einarbeitung aussehen kann, zeigen die folgenden Beispiele:

Erklärvideos drehen
Smartphone in die Hand und los geht’s! In den eigenen Worten lassen sich die Aufgaben einer neuen Abteilung wunderbar zusammenfassen und beschreiben. Außerdem ist so eine persönliche Nachricht eine schöne Möglichkeit, um die vielen Eindrücke aus einem Videocall oder Telefonat zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in Ruhe zu verfolgen. Außerdem kann der Repeat-Knopf beliebig oft gedrückt werden;)

Screencast produzieren
Für erklärungsbedürftige Inhalte, wie die Abfolge in einem computergestützten System, bietet es sich an, einen Screencast zu produzieren und die nachfolgenden Azubis Schritt für Schritt in die Abläufe einzuarbeiten. Bei dieser Methode wird der eigene Bildschirm bei der Nutzung gefilmt und das Ergebnis bietet den nachfolgenden Azubis die Möglichkeit, den Vorgänger*innen immer wieder bei der Arbeit „über die Schulter zu schauen“.

Digitale Abteilungs-Rallye
Wer macht in der Fachabteilung was? Um alle Kolleg*innen sowie Prozesse und Arbeitsschritte in einer Abteilung kennenzulernen, ist manchmal der Austausch mit unterschiedlichen Personen die beste Art der Einarbeitung. Ein Gespräch mit den Kolleg*innen kann auch digital stattfinden und wird durch eine Art digitale Abteilungs-Rallye mit dem gewissen Spaßfaktor versehen. Die Azubis können sich eine logische Reihenfolge für das Kennenlernen der Kolleg*innen überlegen, kleine Rätsel für den nächsten Step einbauen und die Kolleg*innen als Hinweisgeber für die nächste Gesprächsperson einweihen. So bringt der Dialog und Informationsaustausch gleich mehr Spaß!

Frage und Antwort als FAQ
Welche Fragen haben sich die bereits eingearbeiteten Azubis am Anfang selbst häufig gestellt? Welche Fragen werden im Laufe der Zeit auftauchen? Gibt es Besonderheiten, die nur einmal im Quartal relevant sind? Für schnelle Antworten zu leichten Fragen bietet sich eine Aufzählung und Beantwortung der wichtigsten Sachverhalte in einem FAQ-Format an.

Ein Wiki für die Fachabteilung
Manchmal reichen Fragen und Antworten nicht aus und eine ganze Enzyklopädie, die immer wieder erweitert wird, ist notwendig. Wie wäre es in diesem Fall mit einem abteilungsspezifischen Wiki, das Ihre Azubis von einer zur nächsten „Generation“ pflegen?

Ein who is who der Abteilung erstellen
Facebook war gestern, aber welches Gesicht mit welchem Namen zu welcher Aufgabe gehört, erscheint aufgrund der fehlenden Interaktion vor Ort wichtiger denn je. Wie ein kleines Fotobuch inklusive Steckbrief kann eine Seite im Wiki genau diese Informationen enthalten.

Welcome-Paket mit Azubimappe
Bevor es in einer neuen Abteilung losgeht, erhält der Azubi ein Willkommens-Paket mit den wichtigsten Unterlagen per Post zugeschickt. Die haptische Erfahrung erleichtert den Zugang zur Abteilung und den neuen Kolleg*innen. Ihre neuen Auszubildenden freuen sich mit Sicherheit auch über eine leckere Schokolade oder ein Goodie aus dem Unternehmen.

Check-Liste
Bei neuen Aufgaben ist ein Schritt bei einer ganzen Abfolge neuer Schritte schnell mal vergessen. Liegt dem*r neuen Azubi*ne eine Check-Liste vor, an der man sich orientieren kann, erleichtert das die Meisterung neuer Aufgaben enorm. Als digitales Dokument oder als ein Bestandteil des Welcome-Pakets stellen Check-Listen eine einfache, aber äußerste nützliche Unterstützung bei der Einarbeitung dar.

Win-Win Situation

Indem Auszubildende voneinander lernen, fördert diese Art des Wissensaustausches die Entstehung einer kooperativen Lernkultur. Azubis werden aktiv in den Prozess involviert, Wissen zu teilen und ihre individuellen Erfahrungen einzubringen. Sie lernen, das Wissen einer Abteilung strukturiert in Form zu bringen und es auf kreative Weise an ihre Nachfolger*innen weiterzutragen. Zudem erhalten sie durch diese Aufgabe einen Sonderstatus, denn: Niemand weiß so gut, was für die Einarbeitung wichtig ist, wie diejenigen, die diesen Prozess selbst durchlaufen sind. Ganz nebenbei profitiert Ihre Abteilung von der Gelegenheit, die Materialien und Prozesse im Rahmen der Einarbeitung auf den neuesten Stand zu bringen und zu optimieren.

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Yvonne Lohmeier-Weidner [synartIQ]

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